Seltsame Kameraden

Immer und immer wieder hatte er sie angestupst. Doch sie hatte sich nicht gerührt. Dabei war es doch ihre Zeit, endlich ihren Unterstand zu verlassen und auf die Wiese hinaus zu gehen. Es war hell und sonnig, und wenn das Gras so mit Tau überzogen war, dann schmeckte es beinahe am besten. Aber all das schien sie nicht zu interessieren. Sie lag einfach da und rührte sich nicht. Deshalb blieb er bei ihr stehen, trotzdem das Gras und die Sonne ihn nach draußen lockten. Es war ihm egal, denn ohne sie konnte er nicht hinausgehen. So lange er sich in seinem Eselleben zurückerinnern konnte, waren sie gemeinsam hinausgegangen. Am Morgen. Und am Abend wieder zurückgekehrt. Vom ersten Tag an.

Es war ein Tag, fast so wie heute gewesen, sonnig und mit taubenetztem Gras, doch er war verängstigt und alleine. Schließlich war er noch ein ganz junger Esel, fast noch ein Baby. Gerade eben war er noch bei seiner Mama gewesen, und im nächsten Moment wurde er weggeführt und eingeladen. Dann ging es polternd und ruckelnd davon. Alles war so laut um ihn gewesen. Das hatte ihm Angst gemacht, große Angst. Diese Angst nahm er auch mit, als er auf die neue Weide geführt wurde. Doch da kam sie ihm auch schon entgegen, holte ihn zu sich. Er wusste, er brauchte keine Angst mehr zu haben, denn er war nicht mehr alleine. Es war, als hätte sie ihn erwartet. Bereitwillig folgte er ihr, als sie ihm voranging um ihm die neue Weide zu zeigen. Von diesem Tag an hatten sie sich nie wieder getrennt. Doch nun lag sie einfach da, und er würde nicht von ihrer Seite weichen.

Irgendwann kamen die Menschen. Mehr als sonst. Zunächst besahen sich die Zweibeiner seine Gefährtin. Dann nahmen sie sie mit. Er folgte ihnen bis zum Tor. Er wollte, er musste bei ihr bleiben, doch er wurde fortgeschickt. Was sollte er denn ohne sie machen? Aber vielleicht, so dachte er nach einiger Zeit, wurden sie sie ja wieder zurückbringen. Er würde einfach hier beim Tor bleiben und warten. So stand er und wartete. Tag um Tag verging, aber sie brachten sie nicht zurück. Ab und an kam ein Mensch und brachte ihm Heu. Aber auch das interessierte ihn nicht. Er wollte nur seine Gefährtin wiederhaben. Eine von diesen Zweibeinern, eine Menschin, wie er meinte, streichelte ihn und sah ihn mit diesem Blick an, der so traurig wirkte. Ob Menschen auch traurig sein können? Dann sagte sie auch was, aber er verstand es nicht. Dann schüttelte sie zumeist den Kopf, links und rechts und zurück, und ging wieder.

Eines Tages kam sie wieder, doch sie kam nicht alleine. An einem Strick führte sie ein kleines, verängstigt wirkendes Wesen hinter sich her. Es war wirklich sehr klein, aber es ging auf vier Beinen, hatte ein Fell und zwei kleine spitze Hörner. Es war also kein Mensch, aber auch kein Esel. Er hatte so etwas noch nie gesehen. Die Menschin brachte den Kleinen zu ihm und sprach beruhigend auf ihn ein, doch er ließ sich nicht beruhigen. Was auch nicht weiters verwunderlich war, denn er verstand sie ja nicht. Es war Zeit einzugreifen. Der Esel, der seine Gefährtin verloren hatte, sah in diesem kleinen Wesen einen, dem es genauso ergangen war wie ihm. Auch er war ein Verlorener. Deshalb verließ der verlorene Esel seinen Beobachtungsposten und nahm sich dieses kleinen Ziegenbockes an, dessen Mutter von ihm gegangen war. So wie die Gefährtin des Esels.

Der kleine Ziegenbock, der natürlich noch größer wurde, aber nicht viel, wie der Esel fand, wurde penibel in die Gepflogenheiten eingewiesen, die auf der Weide galten. Er zeigte sich willig und eifrig, so dass man sie von nun an immer gemeinsam sehen konnte. So waren aus zwei Verlorenen zwei geworden, die sich gefunden hatten.


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